Art.Nr.: ISBN100 | Was Hunde denken von Thomas Görblich
Was Hunde denken von Thomas Görblich
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Alles, was Sie über das Innenleben der Vierbeiner wissen müssen



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Leseauszug

- Hören Sie das Heulen?
- Klingt wie eine Sirene mit Kehlkopfüberschlag.
- Das ist ein Wolf.
- Was denn, ein echter Wolf? Wo sind wir denn hier? In der Lausitz?
- Nicht schlecht geraten. In der Lausitz leben tatsächlich seit einiger

Zeit wieder wilde Wölfe. Nein, wir sind im Wildpark Ernstbrunn, nördlich von Wien. Da gibt es seit Kurzem ein Wolfsforschungszentrum mit nordamerikanischen Timberwölfen. Das Besondere ist, dass diese Wölfe mit ganz engem Menschenkontakt aufwachsen. Die werden schon ganz klein mit der Flasche handaufgezogen und haben jeden Tag mit Menschen Umgang. Die gehen sogar an der Leine spazieren!

- Soll das heißen, hier können jeden Moment Wölfe um die Ecke kommen?

- Natürlich nur mit ihren Betreuern. Aber Sie können einen Privatspaziergang buchen und mitgehen. Wolfsbegeisterte kommen von weit her, um mal einen Wolf anzufassen. Manche waschen sich dann die Hände nicht mehr.

- Weil sie nicht mehr dran sind?

- Haha, sehr witzig. Sie scheinen sich in der Gegenwart von Wölfen nicht so recht wohlzufühlen.

- Ich habe einfach einen Heidenrespekt vor denen. Soweit ich weiß, sind alle Versuche, die wie Hunde zu halten, aussichtslos. Irgendwann zerlegen sie die Wohnung und den Besitzer gleich mit, wenn er nicht aufpasst.

- Die Gefahr besteht, aber hier geht es ja nicht darum, die als Schoßhündchen zu halten. Auch wenn die Wölfe ein großes Freigehege haben und auch sonst möglichst naturnah gehalten werden, ist das hier vor allem eine Forschungsstation. Die Wölfe sollen sich nämlich an den Menschen gewöhnen und dann mit Hunden verglichen werden. Deshalb sind hier nebenan jetzt auch Hundewelpen untergebracht, unter den genau gleichen Bedingungen. Verhaltenstests sollen zeigen, welcher Teil des Hundedenkens auch im Wolf angelegt ist und welcher erst im Zusammenleben mit dem Menschen entstanden ist.

- Äh, nichts für ungut, aber ich kann mich gerade nicht so gut auf Ihren Vortrag konzentrieren. Kann es sein, dass das Heulen näher kommt?

- Stimmt, die sind ganz in der Nähe. Jetzt warten Sie mal, bis Sie einen von den Wölfen gesehen haben. Da vorne ist schon der erste. Die dunkle Silhouette eines großen schlanken Rüden schält sich aus dem Winternebel. Kaspar trabt mit gesenktem Kopf den verschneiten Waldweg entlang, schnüffelt mal hier an einer Rehfährte, hebt dort das Bein an einem Baumstamm. Er verhält sich auch sonst ganz so, wie man es von einem wohlerzogenen Hund bei einem Spaziergang erwarten würde - mit dem kleinen Unterschied, dass es sich bei Kaspar um einen waschechten Timberwolf handelt.

Sein Kopf und Rücken sind dunkel, die typische Wolfszeichnung ist kaum zu erkennen, und das ließe vielleicht noch eine Verwechslung mit einem riesigen Schäferhund zu. Doch der kräftige Kopf mit dem geraden, spitz zulaufenden Nasenrücken ist unverkennbar, ebenso die kleinen Ohren, die bis tief ins Innere behaart sind. Er trabt leichtfüßig durch die Winterlandschaft, konzentriert und zielstrebig, und weckt Assoziationen, denen sich nur wenige Menschen entziehen können.

Manche denken an Freiheit und Naturverbundenheit, an Kanadas Wildnis, die Steppen Sibiriens, vielleicht auch an einige wenige Naturparks in Europa - die letzten Refugien, in denen Wölfe heute noch wild lebend vorkommen. Andere sehen zerrissene Schafe, mächtige Kiefer, den lautlos näher kommenden Kreis eines hungrigen Rudels. Doch die wenigsten lässt die Begegnung mit einem Wolf gleichgültig. Die Faszination Wolf wirkt heute wie eh und je. Woher kommt diese Faszination? War sie schon vorhanden, als steinzeitliche Jäger in die Jagdreviere der Wölfe vordrangen, die lange die erfolgreichsten Raubtiere der Nordhalbkugel waren? Oder entstand sie im Laufe jener Jahrtausende, in denen frühe Menschen und Wölfe unabhängig voneinander die gleichen Nahrungsquellen nutzten

- gewaltige Herden von Mammuts, Rentieren und Wildpferden? Lernte der Mensch überhaupt erst vom Wolf, wie sich große, kräftige Beutetiere im Team jagen und erlegen lassen?

Oder entstand die Faszination erst sehr viel später, gegen Ende der letzten Eiszeit, als schon die ersten Hunde an der Seite des Menschen den letzten Mammuts hinterherzogen? Schlagen Wölfe eine Saite in uns an, weil unsere Vorfahren nur mithilfe des Hundes in unwirtliche Gegenden vordringen und dort überleben konnten? Sind diejenigen, denen Hunde und damit auch Wölfe gleichgültig waren, ausgestorben? Oder, anders gefragt: Ist unsere heutige Zivilisation das Ergebnis der gemeinsamen Geschichte von Menschen und Hunden? Ist der Mensch ohne den Hund überhaupt möglich?

Das mag vermessen klingen, aber manche Experten sind heute davon überzeugt, dass die Geschichte des Menschen ohne den Hund völlig anders verlaufen wäre. Sicher ist zumindest, dass der Hund ohne den Menschen nicht möglich wäre. Diese Erkenntnis gilt unabhängig davon, ob man unsere gemeinsame Geschichte als Symbiose mit Vorteilen für beide sieht oder als eine Art Gesellschaftskrankheit mit dem Hund als Sozialschmarotzer, der die gleichen ökologischen Ressourcen verschlingt wie ein Viereinhalb-Liter-Auto. Der Mensch schuf mit dem Hund eine der wenigen Errungenschaften der Menschheit, die sich nicht als Modeerscheinung entpuppten. Er behielt ihn durch alle Epochen und Wechselfälle der Geschichte hindurch bei sich - bis auf den heutigen Tag.





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